IBM-Versuch in der Schweiz

Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt wurde am 22. Mai 1995 in Aarau ein völlig neuer Frankierautomat der Firma IBM in Betrieb genommen. Erstmals wurde damit in der Schweiz seit 1976 (Einführung der Frama-Automatenmarken) wieder ein neuer Selbstbedienungs-Automat zum Frankieren von Postsendungen aufgestellt.

Der weltweit nur einmal existierende Prototyp stammt von IBM Spanien und kam erst sehr kurzfristig vor dem Ersttag in der Schweiz an. Er besteht aus einem normalen IBM-Computer (486er, 16 MB Ram) mit Windows 3.1-Betriebssystem von der Konkurrenz Microsoft, das in einem IBM-eigenen Computer doch etwas überrascht. Beim Wertzeichendrucker handelt es sich um den sehr guten Thermodrucker Easy Coder 401 der Firma UBI, der die selbstklebenden Freistempel im Grossformat 95 x 85 mm (mit Unterpapier 99 x 89 mm) absolut sauber ausdruckt. Falls in Zukunft Briefe frankiert werden können, muss dieses Format aus Platzgründen aber unbedingt verkleinert werden. Für die Quittungen ist ein handelsüblicher und ebenso zuverlässiger Epson-Nadeldrucker eingebaut. Zusätzlich angeschlossen ist eine Waage (Mettler Toledo < 15 Kg) und ein herkömmlicher Taxcardleser, wie man ihn aus den Telefonkabinen kennt.

Völlig neue Freistempel
Der neue Automaten-Freistempel IBM zeigt ganz oben eine Datenzeile:
z.B.: 12 / 5000 ' 01 - 90 / 002 ' 003

12 5000 01 90 002 ' 003
keine Funktion Postleitzahl Geräte-Standort Postamt Geräte-Nr. fortlaufende Transaktions-Nummer
= Aarau = Aarau 1 für den Test= Gerät 90 = 2003
ab 1001 = Printer in Bern ab 2001 = Ortsgerät Aarau

Die Freistempel aus dem Ortsgerät haben eine fortlaufende Nummer ab 002'001 (2001). Die Auflage der Ersttags-Freistempel vom 22. Mai 1995 beträgt nur 524 Stück. Am 5. September 1995 war die Transaktions-Nummer 004'285 (4285) erreicht.

Daten Transaktions-Nummern Anzahl Freistempel Totalauflage
22.05.95 2001 - 2524 524 524
23.05.95 - 05.09.95 2525 - 4285 1761 2285

In 107 Tagen wurden erst 2285 IBM-Freistempel hergestellt. Dieser Tagesdurchschnitt von 21 Stück (ohne Ersttag sind es sogar nur 16 Freistempel pro Tag) ist sehr gering, da das Gerät durchgehend von 06:30 - 21:00 zugänglich ist.

Am Ersttag war es möglich, Bestellungen aufzugeben. Diese bestellten Freistempel wurden auf einem Printer in Bern angefertigt und haben alle eine Nummer ab 1001 ! Auch hier wurden nur knapp über 500 Freistempel hergestellt. Die höchste mir bekannte Nummer der Printerausgabe ist die 001'519 (= das 519. Stück).

Dann folgt der Barcode dieser Datenzeile, der nach der Aufgabe vom Postpersonal zur Weiterverarbeitung mit einem Handscanner in einen weiteren Computer eingelesen wird. Da zurzeit der Barcode auf dem Freistempel nur die Daten des Herkunftspostamtes darstellt, wird jede mit einem IBM-Freistempel frankierte Sendung mit einem Olivetti-Freistempel vom Schalterterminal überklebt. Diese Olivetti-Freistempel zeigen bereits den für die automatische Postweiterleitung so wichtigen Zielcode des Empfängers. Mit dieser etwas umständlichen Massnahme verschwinden im wahrsten Sinne des Wortes natürlich auch alle abgesandten IBM-Freistempel für den Sammlermarkt, da sie alle mit Olivetti-Freistempeln überklebt werden !!! Sammler, die den IBM-Freistempel auf einem Beleg sammeln möchten, dürfen die Sendung auf keinen Fall aufgeben.

Weiter werden Postlogo, Aufgabeort (5000 AARAU 1), Datum, genaue Uhrzeit, Gewicht, Versendungsart und das Porto ausgedruckt. Die Landesbezeichnung HELVETIA fehlt überraschenderweise und wird in Zukunft sicher dazukommen, sobald auch Sendungen ins Ausland möglich sind.

Sendungen mit dem IBM-Computer frankieren
Der ganze Markenkauf läuft als Computerprogramm über einen sogenannten Touch-Screen-Bildschirm, der auf Berührung reagiert. Es gibt also am ganzen Gerät keine Tasten oder Knöpfe. Falls kein Kunde bedient wird, fliegen auf dem Farbbildschirm verschiedene Pakete herum, was hübsch und einladend anzuschauen ist. Als erstes nach dem Antippen des Startfeldes verlangt dann der Computer, dass man die Sendung auf die Waage legt und (zum ersten Mal) das Bestätigungsfeld OK berührt.

Auf dem 2. Bildschirm erscheint eine Auswahl mit den möglichen Versendungsformen Normal, Eingeschrieben, Eilsendung und Empfindlicher Inhalt. Aus diesen vier Versendungsformen kann man durch Antippen die gewünschte Kategorie auswählen. Die Versendungsform wird auf dem Automaten-Freistempel ausgedruckt. Die folgenden acht Kombinationen sind möglich:

Zudruck Mindestporto bis 1 kg
NORMAL 3.00
EINGESCHRIEBEN 5.00
EINGESCHRIEBEN EILSENDUNG 13.00
EINGESCHRIEBEN EILSENDUNG EMPFINDLICHER INHALT 18.00
EINGESCHRIEBEN EMPFINDLICHER INHALT 10.00
EILSENDUNG 11.00
EILSENDUNG EMPFINDLICHER INHALT 18.00
EMPFINDLICHER INHALT 10.00

Ein kompletter Satz mit allen 8 Zudrucken kostet am neuen Postschalter somit immerhin 88 Fr. und ist dementsprechend selten. Im Postgesetz nicht vorgesehene Kombinationen mit der Versendungsform Normal werden vom Programm unterdrückt und nicht akzeptiert. Nach der Auswahl fordert Kollege Computer wieder zum Berühren des Tastenfeldes OK auf.

Bezahlung nur per Telefonkarte
Es folgt das 3. Bild mit der Aufforderung, jetzt das gewünschte Porto mittels Telefonkarte zu bezahlen. Dies ist das grosse Minus an diesem Pilotversuch, dass nur mit Telefonkarten (Taxcards) bezahlt werden kann. Welcher Postkunde hat in diesem Augenblick eine oder mehrere volle Karten dabei ? Hier ist der geplante Ausbau auf die Postcard und EC-Bankkarten dringend erwünscht, um nicht noch mehr Postkunden abzuschrecken. Im Moment ist man noch auf Telefonkarten angewiesen.

Nach einer äusserst langwierigen Kontrolle der Karte wird der vorhandene Saldo der Karte angezeigt und die für die gewünschte Portostufe benötigten Einheiten zu 10 Rp. (!) abgebucht. Der verbleibende Saldo wird ebenfalls wieder angezeigt. Für einen Franken Porto benötigt der Taxcardleser eine Sekunde, um diesen Betrag auf der Karte zu löschen. Daher geht der Buchungsvorgang für hohe Portostufen ewig lange. Für die Bezahlung jeder Portostufe können auch mehrere Karten verwendet werden. Der Computer fragt bei einer Karte mit zuwenig Guthaben, ob man zur Bezahlung eine weitere Karte verwenden will ? Bei einer positiven Bestätigung gibt der Taxcardleser nach der Abbuchung die leere Karte frei und fragt nach weiterem Plastikgeld. Falls man nicht einverstanden ist oder einfach nicht so viele Karten herumträgt, wird die Karte zurückgegeben. Es bleibt dann nur der Weg zum Menschen-Postschalter.

Interessant und wieder einmalig beim Aarauer IBM-Gerät ist, dass man bei einem Guthaben einer bereits abgebuchten Karte den Markenkauf jederzeit abbrechen kann und dann eine Stornoquittung ausgedruckt wird. Gegen diese Stornoquittung erhält man an den Postschaltern im Postamt Aarau 1 das Guthaben in bar !!! Einmalig, weil sonst eine Rückgabe von vollen oder teilweise benutzten Taxcards gegen bar absolut ausgeschlossen ist. Selbstverständlich kann man solche Stornoquittungen für unbeliebt gewordene Taxcards auch selber provozieren, in dem man im richtigen Moment kurz vor der vollen Bezahlung den Kaufvorgang einfach abbricht. Das Schalterpersonal des Postamtes Aarau hat aber eine verständliche Sperre eingebaut und vergütet solche Stornoquittungen nur bis zu einem bestimmten Betrag, so dass sich ein Missbrauch nicht lohnt.

Wenn die Portostufe endlich bezahlt ist, erscheint der 4. Bildschirm mit einer bildlichen Illustration, der den Ausdruck des Freistempels zeigt. Das Wertzeichen wird oben (!) im Gerät ausgeworfen. Auf dem folgenden 5. Bild wird gefragt, ob man für diese Sendung eine Quittung haben möchte. Je nach Bedarf wird diese Bestätigung dann vom Epson-Nadeldrucker geschrieben. Ein Lacher besonderer Art bringt dann der auf jede Quittung gedruckte Hinweis: "Dies ist kein rechtsverbindlicher Empfangsschein für die Aufgabe der Sendung!". Dieser Hinweis kommt auch bei eingeschriebenen Sendungen, die also ohne Quittung für den Absender in den dafür bereitgestellten Paketeinwurf sollen. Wie der Postkunde dann später bei einem Verlust reklamieren soll, ist mir schleierhaft. Dass man dann eingeschriebene Sendungen überhaupt in das IBM-Programm aufnimmt, ist schon etwas gewagt.

Automatischer Postschalter der Zukunft
Zurzeit kann der Postkunde am einzigen IBM-Automaten Freistempel für alle Pakete bis 15 kg im Inlandverkehr herauslassen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll man gemäss Planung auch Briefe frankieren können. Man möchte diesen Automaten zu einem automatischen Postschalter ausbauen, der alle wichtigen Dienstleistungen anbietet. Gedacht wird auch an die Möglichkeit, Eintrittskarten für Kinos und Konzerte auszudrucken. Auch Fahrpläne und andere Informationen sollen abrufbar sein.

Zum Abschluss jedes Markenkaufes erscheinen dann wieder die fliegenden Pakete, die über den Bildschirm düsen. Hier wurde eine längere Wartezeit einprogrammiert, in der das Startfeld für die nächste Sendung nicht erscheint. Erst nach langen Sekunden wird dieses Startfeld wieder eingeblendet. Auch wegen dieser Zwangspause ist es nicht einmal möglich, pro Minute mindestens einen Freistempel herauszulassen. Je nach Sendungskategorie, Anzahl Telefonkarten und Reaktionsvermögen benötigt man für ein Stück zwischen 63 Sekunden (Rekord) und einigen Minuten ! Eigene Beobachtungen zeigen, dass die allermeisten Postkunden trotz moderner Technologie weiterhin am Gerät vorbei zum gewohnten Postschalter gehen.

Es kann daher gut sein, dass dieser Prototyp genau so schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist.

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