USA: Der 2. ATM-Versuch läuft
Mit insgesamt 14 Prototypen des einheimischen Herstellers Gard testet die
USA-Postverwaltung seit dem 20. August 1992 die Ausgabe von Automatenmarken. Sehr
interessant sind die technischen Neuentwicklungen bei Gard, die es zu beachten gilt. Aber
es gibt auch einige Probleme mit dem Druckwerk der neuen Maschinen. Im Auftrag der
Postverwaltung entwickelte die Firma Gard aus Niles im nördlichen Bundesstaat Illinois
das "Postage and Mailing Center (PMC)". Der erste Automat wurde am 20. August
1992 im Hauptpostamt von Oklahoma City aufgestellt (Kundenquittungen mit der Nr. 1). Das
PMC wurde bei den Postfächern installiert und ist rund um die Uhr zugänglich. Für den
Ersttag wurde kurzfristig noch ein 2, identisches Modell in der Schalterhalle in Betrieb
genommen (Quittungen Nr. 2). Dieser Automat wurde nach dem Ersttag wieder abgebaut. Die
anderen 13 Versuchsgeräte wurden erst nach dem Ersttag installiert.
Den Kern des PMC bildet ein Computer mit riesigen Programmiermöglichkeiten. Der
Postbeamte kann auf dem Bildschirm alle Funktionen des Gerätes überprüfen und
Einstellungen verändern. Die Anzahl der maximal erhältlichen Briefmarken pro Transaktion
kann zwischen 1 und 99 ATM eingestellt werden. In Oklahoma City betrug sie 99; Washington
begnügte sich mit 20 ATM. Einfach am Bildschirm kann der Beamte auch festlegen, welche
Banknoten oder Münzen akzeptiert werden sollen. Jederzeit abrufbar ist auch die Menge der
vorrätigen Münzen zu 1, 5 und 25 cents für das Wechselgeld.
Bei einem auftretenden Fehler ruft das PMC automatisch per Telefonleitung einen
speziellen Zentralrechner an. Jede Testregion hat einen Zentralrechner, der z.B. in
Washington für alle vier Automaten im Büro des Postmasters im Postamt Martin Luther King
Junior Station steht. Über die Telefonleitung teilt das PMC der Zentrale einige
Informationen (Anzahl verbleibende Marken auf der Rolle, Anzahl Münzen für die
Geldrückgabe, usw.). Weiter wird übermittelt, wieviele Münzen zum Auffüllen der
Geldrückgabe nötig sind. Der beim Zentralrechner angeschlossene Laserdrucker druckt ein
Formular mit allen Informationen. Der vom PMC registrierte Fehler wird mit Klartext
ausgedruckt und exakt beschrieben. Dann wird sogar noch ausgedruckt, wie der Techniker den
Fehler beheben kann ! Der ATM-Automat in den USA hat also die Macht übernommen und
befiehlt dem Menschen, was zu tun ist. Der Techniker braucht nur noch von Zeit zu Zeit
beim Zentralrechner nachzuschauen, ob neue Fehlermeldungen vorliegen. Die
Versuchspostämter, wo die Geräte stehen, müssen sich um die Geräte nicht mehr
kümmern. Sie haben auch keinen Zugang zum PMC. Für alle Kontrollen und Service-Arbeiten
ist nur ein Beamter in jedem Gebiet zuständig. Das PMC telefoniert sogar bereits, wenn
sich die Papierrolle ihrem Ende nähert. Es bleibt dann genügend Zeit, das Papier
rechtzeitig auszuwechseln.
Neben diesen Telefonanrufen nach Störungen gibt es auch noch die alltägliche
Verbindung zwischen PMC und Zentralcomputer. In jeder Nacht überspielt jedes PMC der
Zentrale automatisch alle Transaktionen des letzten Tages. In der Zentrale lassen sich
jederzeit die letzten 500 Verkäufe an jedem PMC abrufen. Es werden aufgelistet: Zeit,
Anzahl Briefmarken, Wertstufen, Art der Bezahlung. Der Zentrale ist es auch jederzeit
möglich, in den Ablauf im PMC-Programm einzugreifen. Es können bestimmte Münzen
blockiert oder sonstige Änderungen vorgenommen werden. Wenn in den USA die nächste
Portoerhöhung ansteht, braucht sich kein Techniker zu den einzelnen Automaten zu begeben.
Wieder via Telefonleitung können alle Tarife von der Zentrale aus abgeändert werden. Auf
diesem Gebiet ist uns die US-Technologie um Jahre voraus.
Neben der grossartigen Programmierung braucht aber auch das PMC einen leistungsfähigen
Markendrucker, der die im voraus gedruckten und gezähnten Markenfelder mit dem vom
Postkunden gewünschten Markenwert bedruckt. Hier liegt beim PMC das grosse und fast
unlösbare Problem: Die Postverwaltung hat von Gard verlangt, dass die ATM im Streifen
abgegeben werden. Bei allen anderen Wertzeichenautomaten von Frama, Klüssendorf und Co,
werden die ATM heute einzeln abgeschnitten. Beim PMC kommen aus dem Drucker auf der linken
Seite alle ATM an einem Stück, das nicht selten den Boden erreicht. Der Drucker ist nicht
sicher vor gewollten und ungewollten Manipulationen. Zieht der Postkunde zu früh an der
Marke, kann es vorkommen, dass er neben seiner Briefmarke noch ein Leerfeld ohne
Wertaufdruck erhält. Allerdings verweigert dann das Gerät die Herausgabe weiterer Marken
und schreibt auf dem Bildschirm, dass es die Transaktion nicht beenden kann. Falls der
Kunde noch ein Guthaben hat, wird anstelle von Wechselgeld immer ein Gutschein (Voucher)
ausgedruckt, den man am Postschalter einlösen kann. Der Drucker ist auch nicht
ausgereift, so dass auch verschobene Drucke oder zwei Drucke auf einer Briefmarke
vorkommen. Bei einer solchen Druckerstörung schaltet das Gerät ab, telefoniert sofort
mit "seiner" Zentrale und ist dann bis zum Eintreffen des Technikers nicht mehr
betriebsbereit. Da die Drucker sehr unzuverlässig arbeiten, sind die Versuchsgeräte oft
tagelang ausser Betrieb.
Eine andere Fehlerquelle ist die eingebaute Waage. Es kommt öfters vor, dass der
Automat dem Postkunden auf dem Monitor mitteilt, "man soll bitte den Brief von der
Waage nehmen", obwohl kein Brief auf der Waage liegt. Nach einiger Zeit folgt dann
sogar die Frage, "oh man mehr Zeit brauche, den Brief von der Waage zu nehmen" !
Der Automat ist dann bis zum Besuch des Technikers nicht mehr in Betrieb. Mit Sicherheit
wird der PMC-Automat von Gard in dieser Form den laufenden Testbetrieb nicht überleben.
Die Mängel bei der Mechanik (Drucker/Waage/Markenabgabe in Streifen) sind zu gross, um an
einen landesweiten Einsatz in grossen Stückzahlen zu denken.
Neben Gard hat auch Unisys einen Markenautomaten entwickelt. Der Test mit den ATM von
Unisys hätte gemäss Planung im September kurz nach dem Start der Gard-Maschinen beginnen
sollen. Nachdem aber bei den Gard-Druckern die enormen Probleme aufgetaucht sind, ist man
bei der Postdirektion in Washington vorsichtig geworden. Der Unisys-Automat wird immer
noch intern getestet. Gemäss Auskunft der Post wird der Unisys-Prototyp erst eingesetzt,
wenn alle Probleme mit dem Drucker gelöst wurden. Gemäss aktuellen Informationen
könnten die ersten Unisys-Automaten jetzt im Februar 1993 aufgestellt werden. Die ATM aus
den Unisys-Geräten werden links und rechts gezähnt sein, während die Zähnung bei den
Gard-ATM oben und unten ist. Vernünftig ist die Entscheidung der Verantwortlichen bei der
US-Post, wenigstens das Unisys-Gerät zuerst intern ausgiebig zu testen und die
Druckerprobleme vor der Inbetriebnahme zu lösen.
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