Schweiz: 1. Schalter-Terminal in Bern-Bümpliz

Während nur drei Wochen haben die Schweizerischen PTT-Betriebe ein Schalter-Terminal getestet. Ein einziges Testgerät der Computerfirma Olivetti wurde am 12.10.1992 im Postamt Bern-Bümpliz installiert. Der Versuch wurde aber bereits am 31.10.1992 wieder eingestellt. Sehr interessant sind die neuen Schalterfreistempel, die es in dieser Form nie mehr geben wird.

Im Post-Amtsblatt Nr. 49/1992 vom 5.10.1992, Ordnungsnummer 305 wird die Einführung eines neuen Empfangsscheines (Einlieferungsschein) angekündigt: Im Rahmen eines Versuches wird - gestützt auf Artikel 234a der Verordnung 1 zum Postverkehrsgesetz (regionale Versuche; Anm. des Autors) - vom 12.10.1992 bis 31.10.1992 im Postamt "3018 Bern" ein neuer Empfangsschein ausgegeben. Dabei wird gegenüber dem herkömmlichen Verfahren auf die folgenden Angaben verzichtet: Empfänger, Bestimmungsort, Stempel und Paraphe. Gleichzeitig werden die Aufgabenummern für eingeschriebene Briefe und Pakete auf dem Frankaturaufdruck ausgegeben: Brief = R 999, Pakete = P 999."

In dieser amtlichen Ankündigung stand kein Wort von einem brandneuen Schalter-Terminal oder von ebenfalls völlig neuartigen Schalterfreistempeln (SFS). Die Post gab bekannt, dass man gar nicht mit Philatelisten gerechnet habe. Es würde sich um einen Testlauf für den normalen Kundenverkehr handeln. Bestellungen wurden dann im voraus auch keine angenommen, obwohl man seit vielen Jahren die neuen SFS bei allen Postämtern problemlos ordern kann. Dass man bei der Post nicht mit Sammlern gerechnet hat, erstaunt sehr, da früher bereits grössere Mengen von SFS geliefert wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass man in bestimmten PTT-Kreisen Angst um die Zukunft der ach so schönen (?) Briefmarken hat, denn jedes Jahr werden in der Schweiz mehr Automatenmarken und Freistempel verwendet. Der Verkauf von Bogen-Briefmarken ist dagegen rückläufig. Also liess man die Sammler von SFS im Regen stehen, d.h. die Sammler mussten sich selber nach Bern-Bümpliz bemühen.

Das Postamt mit der amtlichen Bezeichnung 3018 Bern 18 (siehe Amtsblatt) liegt im Quartier Bümpliz der Hauptstadt. Ausgewählt wurde ein Berner Postamt, da die Programmierer und Techniker bei dieser Niederlassung des italienischen Computerriesen beschäftigt sind. Beim Postamt Bern-Bümpliz gab es genug Platz für dieses Versuchsgerät, so dass der Entscheid auf dieses typische Quartier-Postamt fiel. Äusserst lobenswert waren die Bemühungen der Postangestellten von Bümpliz. So wurde vom Postchef persönlich bereits vor der Türöffnung am Ersttag beim Eingang ein grosser Hinweis auf das Schalter-Terminal angebracht. An dieser Stelle darf man sich beim gesamten Postpersonal von Bern-Bümpliz für die grossartigen Bemühungen bedanken. Ohne den hervorragenden Einsatz während des ganzen Versuches gäbe es praktisch keine SFS dieser Ausgabe für die Philatelisten ! Für den Test wurde der Schalter 1 reserviert. Das Schalter-Terminal bestand aus dem speziell progammierten 01ivetti-Computer mit einer direkt angeschlossenen Waage (1 g - 22 kg) vom Schweizer Hersteller Mettler. Ebenfalls online war der aus Frankreich kommende Drucker, welcher von der Firma ASCOM (Hasler) zur Verfügung gestellt wurde. Für den Postkunden gab es eine sehr kundenfreundliche, grossformatige Anzeige mit der Angabe von Einzelpreis und Total. Hinter den Kulissen waren zwei weitere Computer-Systeme im Einsatz: In der Datenbank Oracle in einem UNIX-System waren die Tarife und Vorschriften gespeichert. Die Buchhaltung und das grosse Journal wurden ebenfalls mit diesem System überwacht. Als sogenanntes "Backoffice" war in einem Büro ein weiterer Olivetti-Computer angeschlossen. Dort wurde die Tagesendverarbeitung vorgenommen sowie das Tagesjournal mit allen Einzelheiten über Einnahmen, Ausgaben, Kategorien, Anzahl Sendungen und vieles mehr ausgedruckt. Für den dreiwöchigen Versuches wurden nur bestimmte Sendungskategorien programmiert. Folgende Sendungen konnte man am Schalter-Terminal aufgeben:

Inland: Brief Einschreiben (R), normales Paket, Paket Einschreiben
Ausland: B-Post Europa, B-Post Mittelmeerländer, B-Post USA, A-Post Europa, A-Post Mittelmeerländer, A-Post USA

Andere Sendungen wie z.B. normale Inlandbriefe oder Einschreiben ins Ausland waren im Programm nicht vorgesehen.

Als eigentlichen Schnellschuss kann man den angekündigten Ersttag 12.10.1992 bezeichnen, denn der notwendige Drucker aus Frankreich war noch Tage vor dem Start nicht in Bern eingetroffen. Erst in den letzten Tagen und Stunden konnten wichtige Tests durchgeführt werden. Trotzdem klappte noch alles und der Versuch mit dem ersten Schalter-Terminal der Schweiz konnte planmässig beginnen. Die neuen SFS zeigen oben den Standort 3018 Bern 18 Bümpliz und das obligatorische "HELVETIA". Auf der mittleren Zeile wird neben dem Datum und der kuriosen Geräte-Nummer 3/999 (Gerät 999 im Schweizer Postgebiet 3 für Bern) die laufende Zeit mit Minutenangabe ausgedruckt. Das Gewicht der aufgegebenen Sendung, das Porto sowie bei eingeschriebenen Sendungen die Laufnummer steht in weitaus grösserer Schrift unten auf den neuartigen SFS. Erstmals in der Schweiz ist der neue SFS selbstklebend. Das verwendete Papier ist weiss. Dass es sich um ein Versuchsgerät handelt, merkte man auch bei der Geschwindigkeit. Das Terminal konnte nur ca. 2 SFS pro Minute ausdrucken. Zum Vergleich: das einfache FRAMA-Schaltergerät printet in der Minute bis zu 100 Freistempel. Da es am Ersttag wegen des grossen Andranges zudem zu Pannen und Unterbrüchen kam, ist die Auflage von Ersttags-SFS vom Ortsgerät mit laufender Uhrzeit sehr gering. Die Totalauflage beträgt ca. 600-700 Stück ! Das Schalter-Terminal lief am Ersttag von 07:30 - 17:45. Im Verlauf des Ersttags geriet die Frankiermaschine immer mehr ins Stocken, da die Maschinenkapazität nicht einmal für kleinere Mengen ausreichte. Um die Wünsche der Sammler noch zu bearbeiten, kam die Generaldirektion PTT jetzt plötzlich auf die Idee, doch noch Bestellungen entgegenzunehmen. Es war dann am Ersttag möglich, alle SFS (wie früher) zu bestellen. Diese Bestellungen wurden Anfang November nach Ende des Versuches alle gleich behandelt. Alle bestellten SFS wurden mit der feststehenden Uhrzeit 18:15 ausgedruckt. Um diese Zeit war das Schalter-Terminal am Ersttag gar nicht mehr in Betrieb. Es handelt sich vielmehr um die Schliessungszeit des Postamtes Bern-Bümpliz.

Unterschied:
Echter Ersttag laufende Uhrzeit 07:30 - 17:45
Bestellungen feststehende Uhrzeit 18:15

Der einzige Grund, weshalb das neue Schalter-Terminal im Amtsblatt überhaupt erwähnt wurde, liegt beim neuen Empfangsschein (Einlieferungsschein). Aus rechtlichen Gründen mussten die Änderungen im voraus publiziert werden. Es wurde bestätigt, dass man das neue Terminal sonst in keiner Meise angekündigt hätte. Der Versuch wäre ohne amtliche Ankündigung gestartet und nach drei Wochen wieder gestoppt worden. Man wollte die Philatelisten bei diesem Test nicht dabei haben. Für den Ausdruck der Freistempel, Empfangsscheine und Quittungen gibt es nur einen Drucker. Die Empfangsscheine und Quittungen werden auf das gleiche selbstklebende Papier wie die Freistempel gedruckt. Auf dem Empfangsschein für eingeschriebene Sendungen (Briefe und Pakete) werden die Daten auf dem Freistempel wiederholt. Ausgedruckt wird zusätzlich die Sendungskategorie und der volle Name des Schalterbeamten. Hegen eines Fehlers im Programm waren am Ersttag noch keine Quittungen möglich. Der Ersttag für Quittungen aus dem Schalter-Terminal war am 15,10,1992. An diesem Tag wurde eine verbesserte Software eingesetzt. Neben der Sendungskategorie wird der Gesamtbetrag angegeben. Zukunftsaussichten: Die Post wollte mit diesem Kurzeinsatz die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit eines Terminals prüfen. Neben Olivetti gab es noch zwei weitere Computerhersteller, die in die engere Mahl kamen. Die Projekte von IBM und NCR wurden aber aus Kostengründen nicht weiterverfolgt. Es handelt sich beim Olivetti-Versuch von Bern-Bümpliz um den einzigen Betriebsversuch. Tests mit anderen Herstellern sind nicht geplant. Ab1995 will die PTT alle grösseren Postämter mit integrierten Schalterterminals ausrüsten. Diese Neuentwicklungen sollen dann neben Brief- und Paketpost auch den Zahlungsverkehr bearbeiten können. Es ist geplant, dieses Terminal an sogenannten Universalschaltern einzusetzen. Dort wird es möglich sein, alle Postgeschäfte an einem einzigen Schalter zu erledigen. Einige Verbesserungen sind aber nötig: Die neuen SFS waren selbstklebend. Unverständlich ist aber, warum die SFS mit dem Unterpapier aus dem Drucker kamen, so dass der Schalterbeamte jedesmal dieses Unterpapier vor dem Aufkleben mühsam entfernen musste. In Frankreich oder Spanien kommen die SFS selbstklebend ohne Unterpapier heraus, was eine enorme Zeitersparnis bedeutet. Das geplante Terminal für die ganze Schweiz muss zudem beträchtlich schneller werden. Ein Schalter-Terminal hat gemäss PTT nur eine Zukunft, wenn sich Kosten sparen lassen. So ein System, falls es sich überhaupt als wirtschaftlich und machbar erweist, wäre ein Mosaikstein im Rahmen der gesamten geplanten Poststellenautomation.

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