Das Sammelgebiet Automatenmarken Frankreich (Stand Oktober 1986)

Ich möchte Ihnen heute ein modernes Sammelgebiet vorstellen, das es vor 1976 noch nicht gab: Die Automatenmarken (ATM) aus elektronischen Postwertzeichen-Automaten.

Seit einigen Jahrzehnten verwenden viele Postverwaltungen der ganzen Welt Briefmarken-Automaten mit normalen, fertig gedruckten Rollenmarken. In unserer modernen Zeit der Elektronik und Computer wurden auch im Postwesen viele Geräte automatisiert. Seit vielen Jahren gibt es an den Postschaltern Frankiermaschinen, mit denen jeder gewünschte Wert mit einem Abdruck frankiert werden kann. Man suchte nach einem neuen System, bei dem der Postkunde selbst Briefmarken in beliebiger Höhe am Automaten kaufen kann und nicht nur auf eine oder zwei Rollenmarken angewiesen ist.

So entstand ein neues Gerät, bei dem das gewünschte Porto und das Bild der Briefmarke erst im Automaten auf leeres Papier gedruckt wird. Durch das bedeutend einfachere Druckverfahren (gegenüber den „normalen" Briefmarken) sind auch die Motive auf den Automaten-BRIEFMARKEN (ATM) viel einfacher, manchmal fast zu eintönig. Ich möchte aber hier betonen, darf. es sich bei den ATM um Briefmarken handelt und nicht um Freistempel. Die ATM werden wie normale Briefmarken gestempelt und sind unbeschränkt bei allen Postämtern im jeweiligen Land gültig. Der Erlass der französischen PTT vom 16.6.1983 klassifiziert die ATM als Briefmarken, die auch wie normale Postwertzeichen gestempelt werden müssen.

Am 9.8.1976 nahm die Schweizer Postverwaltung als erste der Welt vier FRAMA-FE 274-Automaten in Betrieb. Nach fast zwei Jahren wurde am 26.6.1978 der Versuchsbetrieb erfolgreich beendet. Danach wurden bis heute in der Schweiz ca. 600 ATM-Automaten installiert. Nach der Schweiz wurden bis heute in 20 Ländern diese neuen Geräte in Betrieb genommen. So hat auch die Postverwaltung von Frankreich diese neue Technik frühzeitig geprüft und trat 1981 in den Kreis der "ATM-Länder" ein.

Die Automatenmarken werden in Frankreich vignettes d'affranchissement" genannt und kommen aus LSA-Geräten (LSA = Libre Service Affranchissement). Bereits von März 1969 bis November 1970 war im Kaufhaus SUMA in Montgeron (Vorort von Paris) ein automatisches Selbstbedienungspostamt in Betrieb, in welchem ein neuartiger Automat integriert war, der dem heutigen LSA-Automaten sehr ähnlich war. Dieses Gerät gab FREISTEMPEL mit wählbaren Portostufen ab, welche auch vom Postamt in Montgeron gestempelt wurden. Es handelt sich aber hier nicht um Briefmarken, da die Montgeron-Vignetten nur zur Frankatur IN MONTGERON gültig waren, während die heutigen ATM aus den LSA-Geräten (seit 1981) in jedem Postamt in ganz Frankreich gültig sind. Nach der Einstellung des Montgeron-Versuches im November 1970 entwickelte die Post dieses neue System vorerst nicht weiter. Erst nach verschiedenen internen Tests (ab 1973) wurden von den drei französischen Firmen ALCATEL, CROUZET und EMD-CAMP im Auftrag der Post je drei elektronische Briefmarken-Automaten (Prototypen) entwickelt. Diese Versuchsgeräte wurden ab 1979 an verschiedenen Messen der Öffentlichkeit vorgestellt, so z.B. an der SICOB 1979 und 1980. Ende 1980 wurde dann der Einsatz der neun Automaten angekündigt und am 13. Januar 1981 wurde das erste LSA-Gerät im Postamt von Paris 49 installiert.

Die Post entschied sich nur für einen Betriebsversuch mit den neuentwickelten Geräten der voranstehend genannten drei französischen Firmen, also ohne den FRAMA-Automat, der inzwischen schon in der Schweiz, in Norwegen und in Brasilien erfolgreich getestet wurde. Offenbar verlangte die Postverwaltung beim Gerät eine eingebaute Waage sowie einen „calculateur du tarif" / Portoermittler, mit welchem dem Postkunden sofort das richtige Porto angezeigt wird. Da das FRAMA-Gerät dies nicht vorweisen konnte, wollte die französische Post, wenigstens am Anfang, nichts davon wissen. Da die französischen LSA-Geräte sehr empfindlich sind, zog es die PTT vor, alle Geräte in der Schalterhalle der Postämter zu installieren. Bis heute wurden alle ATM-Automaten im Innern plaziert. Frankreich ist neben Island und Portugal das einzige Land mit allen Geräten IN den Postämtern.

Sicher hat diese Haltung Vorteile: Die Automaten werden von Beschädigungen und Vandalismus weitgehend verschont. Aber es gibt auch einen Nachteil: Der Postkunde kann die Marken nur während der Öffnungszeiten der Post herauslassen. Der LSA-Automat soll also hauptsächlich den Schalterdienst entlasten. In den anderen Ländern wurden die ATM vor allem eingeführt, um den Postkunden ausserhalb der Öffnungszeiten den Briefmarkenkauf zu ermöglichen. Der erste Betriebsversuch lief vom 13.1.1981 bis 1985.

Seit dem 25.2.1985 sind 13 Geräte modernerer Art in einem 2. Betriebsversuch installiert, teils an den alten Standorten. Die alten 9 Geräte der ersten Generation wurden alle bis Juni 1985 wieder abgebaut. Auch beim Papier gab es eine Änderung: Während bis 1985 nur weisses Papier ohne Sicherheitsunterdruck verwendet wurde, gibt es jetzt seit dem 25.2.1985 bei den neuen Geräten ein neues, mit blauem Sicherheitsunterdruck versehenes Papier. Mit diesem Papier wurden die ATM auch vom Aussehen her Briefmarken-"ähnlicher". Zudem wurde die Fälschungsgefahr erheblich eingeschränkt. In der ersten Zeit wurden die Standorte der neun Geräte teilweise öfters gewechselt.

Jedes Gerät gibt eine ATM mit einer eigenen Nummer ab. Diese Nummer ist die Buchhaltungsnummer des jeweiligen Standort-Postamtes (z.B. Paris 147 = 75747). Vor dieser Nummer steht die Nummer des LSA-Gerätes (C, LS, LSA, S und die Geräte-Nummer).

Von den LSA-Automatenmarken gibt es von jedem Gerät fünf verschiedene Grundarten:

PNU (Pli non urgent = langsamer Brief)
LETTRE (normaler Brief)
PAQUET (normales Paket) (kein Eindruck !!!) *
URGENT (wichtiges Paket)
PAQUET POUR LE DEPARTEMENT (Paket im gleichen Bezirk) (kein Eindruck !!!) *

* Da sich die ATM nicht unterscheiden (ausser bei sehr hohen Wertstufen), werden normalerweise nur 4 verschiedene ATM (PNU, LETTRE, ohne Eindruck, URGENT) gesammelt.

Auch hier gibt es wieder eine Ausnahme: Die seit Februar 1985 eingesetzten FRAMA-Geräte haben nie einen Eindruck auf der Marke (nur den Frankaturwert).

Alle bisher in Frankreich getesteten Geräte der Firmen ALCATEL, CROUZET, EMD-CAMP und FRAMA (SATAS) laufen nach demselben System, das den Firmen von der PTT vorgeschrieben wurde:
- Der Postkunde legt das zu frankierende Postgut (Brief oder Paket) auf die Waage. Der Automat zeigt das Gewicht mit Leuchtziffern an.
- Nach Wählen der gewünschten Kategorie (PNU = langsamer Brief, LETTRE = schneller Brief, PAQUET » einfaches Paket und URGENT = schnelles und wichtiges Paket) erscheint das zu zahlende Porto in einer weiteren Anzeige.
- Jetzt kann man den angezeigten Betrag mit beliebigen Münzen (der LSA nimmt alle französischen Münzen von 10 centimes bis 10 Francs) und in beliebiger Reihenfolge bezahlen. Die LSA-Automaten geben Rückgeld bis zu FF. 9.90. Eine Ausnahme ist der neue Frama-Automat, der kein Rückgeld gibt. Dieses Gerät gibt das Rückgeld in Form einer weiteren ATM mit dem übriggebliebenen Restwert.
- Jetzt wird die Briefmarke mit der gewählten Kategorie und in der bezahlten Wertstufe im Gerät gedruckt. Nach ca. 10 Sekunden wird sie in das Ausgabefach geworfen. Bei den LSA-Geräten ist es nur möglich, Werte in der Höhe der jeweils gültigen Portostufe (siehe Tabelle) zu ziehen. Andere Werte oder ATM in Kleinstwerten (z.B. 10 centimes) sind nicht möglich. Auch hier bildet der FRAMA-Automat eine Ausnahme: Bei diesem Gerät ist es zusätzlich möglich, alle Werte von FF -.10 bis und mit FF 89.- (in 10-centimes-Stufen) zu ziehen.. Eine weitere Besonderheit war beim EMD-CAMP-Gerät, dass die gezogenen ATM selbstklebend ohne Unterpapier aus dem Gerät kamen. Diese ATM mussten also sofort auf den Brief oder auf ein spezielles Unterpapier geklebt werden.
- Das Rückgeld fällt nach dem Druck der ATM in die gleiche Schale oder in ein anderes Ausgabefach (bei EMD-CAMP und ALCATEL). Hier sei angemerkt, dass alle Geräte der Firmen EMD-CAMP und ALCATEL bereits vor einiger Zeit zurückgezogen wurden.

Wie sammelt man französische ATM ?
Hier muss ich zuerst einmal festhalten, dass mit den ATM das Ende des Komplettsammelns gekommen ist. Man kann die Automatenmarken nur nebenbei sammeln (z.B. zu einer „normalen" Frankreich-Briefmarkensammlung) oder als Spezialsammlung mit allen Varianten und Besonderheiten. Jedem Frankreich-Sammler, der die Automatenbriefmarken nur zur Dokumentation in seine Sammlung aufnehmen will, möchte ich raten, z.B. von einem oder von allen Automatenmarken, die heute noch in Betrieb sind, je eine ATM ** zu besorgen. Dazu können Sie z.B. je einen echt gelaufenen Brief mit Stempel vom Standortpostamt machen (lassen).

Diese Zusammenstellung reicht für den Normalsammler zur Dokumentation vollständig. Den Spezialisten interessieren dann aber zusätzlich zu den normalen Automatenmarken besonders Ersttagsbriefe, Abarten, Besonderheiten und andere Spezialitäten.

Ich möchte hier nochmals klarstellen, dass es sich bei den Automatenmarken um richtige Briefmarken handelt. Leider ist es bei der Versandstelle für Briefmarken der PTT in Paris nicht (mehr) möglich, ATM zu bestellen. Nachdem der Bezug von ATM bis Ende März 1985 nur an den Automaten möglich war, konnte man ab 1. April 1985 Automatenmarken ** (4 Stück in einem Set zu FF 15.-) bei der Versandstelle in Paris beziehen. Die ATM der Versandstelle hatten wieder eine spezielle Nummer (C004.75961) auf der Marke. Die Versandstellen-ATM wurden auch nicht in einem LSA-Automaten gedruckt, sondern in einem speziell entwickelten Printer (Drucker) der Firma Crouzet, welcher ohne Münzeinwurf funktionierte. Durch technische Probleme am Gerät wurde der Versand dieser ATM bis zu mehreren Monaten verzögert. Aus diesen Gründen wird der Versand von ATM durch die Versandstelle auf Ende Oktober 1986 wieder eingestellt. Danach bleibt für den Sammler (wieder) das alte Problem, dass er ATM nur noch bei den Automaten besorgen kann. Schade, dass die PTT in Paris nicht in der Lage war, diesen ausgezeichneten Service weiterzuführen. So bleibt dem interessierten Sammler nichts weiter übrig, als die Automaten in den Postämtern aufzusuchen. Daher ist es von Vorteil, in Paris und in der Region von Lyon einen Tauschpartner zu kennen.

Die Postämter mit einem LSA-Gerät dürften eigentlich nach einem Erlass vom 16.6.1983 keine LSA-Briefmarken mehr an ihrem Gerät herauslassen und dem anfragenden Sammler zusenden. Die Post bezieht sich auf das Selbstbedienungsprinzip des Automaten (der Postkunde muss die Marken selber herauslassen). Dieser Erlass wird (teils) strikt eingehalten.

Was sammelt der Spezialist ?
Test- und Abrechnungsvignetten: Nach jedem Papierwechsel, Kassenwechsel oder nach Reparaturen lässt der bedienende Postbeamte Test-Vignetten oder Kontrolldrucke am Gerät heraus. Ebenfalls kann der Beamte Vignetten mit dem Total der verkauften Marken usw. herauslassen. Diese Vignetten werden im Normalfall nicht an Sammler abgegeben. Daher sind diese Testmarken auch sehr gesucht.

Tarife 1-7: Seit der Einführung dieser Automaten gab es sechs Portoerhöhungen. Der Spezialist sammelt die ATM nach den verschiedenen Portotarifen. Zur Zeit läuft der Tarif 7 mit den Wertstufen 1.90, 2.20, 3.50 und 5.40. Im nächsten Sommer wird der Tarif aber bestimmt wieder geändert, so dass man dann den alten Tarif nicht mehr erhalten kann. Es ist also nur möglich, den aktuellen Tarif mit dem gültigen Porto zu erhalten.

Sonder-ATM: Zu bisher sechs Anlässen gab die PTT Sonder-Automatenmarken mit einer speziellen Markennummer oder sogar mit einem speziellen Klischee (Philexfrance 1982 und Sicob 1982) heraus. Diese ATM sind nur während ein paar Tagen an der Ausstellung erhältlich.

Serien zu 4 ATM: Jeder richtige ATM-Sammler nimmt von jedem Gerät die vier verschiedenen ATM mit den vier links eingedruckten Bezeichnungen (PNU, LETTRE, ohne, URGENT) in die Sammlung auf. Diese Serien lassen sich später auch wieder besser verkaufen. In Frankreich sammelt man eigentlich nur diese kompletten 4er-Serien.

Höhere Wertstufen: Da es ja beim LSA-Gerät möglich ist, Postsachen bis zu 5 kg zu frankieren, gibt es auch entsprechend höhere Wertstufen. Sehr interessant ist es, neben den untersten Wertstufen auch höhere (und damit seltenere) Wertstufen zu belegen.

Zurzeit laufen die 13 LSA-Geräte noch in einem Betriebsversuch, bei dem die Post erforschen will, wie der Postkunde das neue Gerät akzeptiert und gebraucht. Daher sind die 13 Geräte auch in grösseren und kleineren Postämtern in der Stadt und in der Provinz (Concarneau, Miribel) verteilt. Man will die Notwendigkeit des LSA-Systems erforschen und auswerten. Nach einem erfolgreichen Abschluss des Versuches (Datum unbekannt) will die Post in einem nächsten Schritt ca. 300 LSA-Geräte in ganz Frankreich (wahrscheinlich vor allem in Grossstädten) installieren. Im endgültigen Ausbau des LSA-Netzes werden nach den heutigen Planungen ca. 2000 ATM-Automaten aufgestellt werden. Ob und wann das eintreffen wird, weiss heute noch niemand.

Seit wenigen Jahren sind die ATM nun auch in den französischen Standardkatalogen aufgeführt. Das gab diesem modernen Sammelgebiet neuen Auftrieb. Leider sind diese Katalogisierungen noch sehr mangelhaft und teilweise sogar falsch. Aber ein Anfang wurde damit gemacht !

Das wichtigste bei den ATM (besonders aus Frankreich) sind aber die meist verschwindend kleinen Auflagen der einzelnen Ausgaben. So gab es z.B. von der Ausgabe in Ars-sur-Formans gesamthaft nur ca. 5000 komplette Serien zu vier ATM, während es von jeder neuen Sondermarke in Frankreich Auflagen in Millionenhöhe gibt.

Meiner Meinung nach werden die Schalterfreistempel aus Frankiermaschinen im Postwesen der Zukunft eine immer grössere Rolle spielen. In Japan stehen schon heute neuartige Geräte im Einsatz, die uns schon ein paar Generationen voraus sind. Dort kommen Freistempel mit dem Datum der Aufgabe aus dem elektronischen Automaten. Diese Freistempel (!) muss die Post nicht mehr stempeln, der alte Poststempel wird also einfach wegrationalisiert Warum soll die Post Vignetten noch mühsam stempeln, wenn es Geräte gibt, die das Datum bereits im Automaten aufdrucken? Diese Geräte nehmen aber auch Einschreibbriefe an, nehmen Banknoten zur Bezahlung an, usw. ! An den Schaltern in den Postämtern gibt es immer modernere Geräte. So werden zur Zeit in Frankreich tausende von GAPA-MOG-Schalterterminals mit eingebauter Frankiermaschine installiert. Diese Geräte drucken die Freistempel zum Frankieren auf das gleiche Papier wie die Automatenmarken. ATM (Automatenmarken) werden ohne Angabe des Postamtes und ohne eingedrucktes Datum ausgedruckt. SFS (Schalterfreistempel) tragen links die Angabe des Postamtes (z.B. Paris 6, Strasbourg RP) und das eingedruckte Datum.

Die Post setzt also immer mehr auf moderne Frankiergeräte. Ob eines Tages die Automatenmarken Vergangenheit sein werden und vor den Postämtern Freistempelgeräte stehen werden, steht in den Sternen. Die Postautomation hat auf jeden Fall in Frankreich und in ganz Europa erst begonnen !

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